Der Pferde-Zirkel
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An die Leinen fertig los … Sieltec Fahrerlebnis in Stoetze


 

Traditionsbefreite Fahrlehrgänge mit Kaltblutpower


 

Es ist schon eine Weile her, aber langsam wollte ich mich wieder an die Kunst der Leinenführung herantasten. Dietmar Krüger, Geschäftsführer der Firma Sieltec und mit Leib und Seele Gespannfahrer, lud ein zu einem traditionsbefreiten Sieltec-Fahrlehrgang für Einsteiger und Wiedereinsteiger.

 

In der schönen und waldreichen Region am Rande der Göhrde entwickelte sich der Lehrgang nach kurzer Zeit zu einem bunten und spannenden Fahrerlebnis, das für alle Teilnehmer noch lange lebendig bleiben sollte - auch dank der tollen Fotodokumentation von Nadine und Thorsten Fabisch (www.tierfotografie-fabisch.de).

 

Aus nah und fern reisten Fahrsportfreunde nach Stoetze auf den Hof der „Pädagogischen Arbeitsgemeinschaft Humanopolis“. Drei Tage intensives Lernen in Theorie und Praxis sollten genutzt werden, um jedem Teilnehmer seinen individuellen Zugang und Wissen rund um‘s Kutsche fahren zu vermitteln. Wir waren gespannt, was uns erwartet. Theoretisches Wissen anhand von Büchern und Vorträgen gehörte auf jeden Fall nicht ins Programm. Theorie lernt man am besten in der Praxis, so die Devise – und schon fanden wir uns umgeben von vielen freundlichen und kräftigen Kaltblutpferden auf der herbstlich anmutenden Offenstallanlage wieder.

 

 

 

Was bedeutet traditionsbefreit Gespannfahren?

 

Wir fahren nach Achenbach“, ist keine Aufforderung zu einer Reise mit der Kutsche ins Siegerland. Hierunter versteht man die klassische und sehr traditionsbehaftete Fahrausbildung nach den Richtlinien des Benno von Achenbach (geboren 1861 in Düsseldorf). Er ist der Begründer einer deutschen Fahrkultur, die zum Ziel hat, stilvoll und pferdeschonend zu fahren.  Die Grundlagen nach Achenbach dienen in der FN-orientierten Fahrausbildung heute noch unverändert als Ausbildungs- und Prüfungsleitsatz - wobei dem Stil, der traditionellen Anspannung sowie der Kleiderordnung sehr viel Bedeutung zugemessen wird.


 

„Traditionsbefreites „Fahren nach Sieltec“ bedeutet in erster Linie Fahren nach

ethischen Grundsätzen für Mensch und Pferd.  Sicherheit, pro Pferd und Leichtigkeit stehen hierbei im Vordergrund. Kleider-ordnung und schwere Ledergeschirre

zählen nicht dazu.

Vor mehr als 15 Jahren entwickelte Dietmar Krüger das Sieltec-Fahrgeschirr. Ein in erster Linie leichtes, pferdeschonendes, äußerst robustes und pflegeleichtes Geschirr für mittlerweile fast alle Anspannungsarten.   Geschirre, Leinen und Kopfstücke werden
aus einem farbenfrohen PE-geflecht hergestellt.

 

Nicht nur optisch, auch konstruktiv bietet dieses Material eine Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten, welche den Fahreralltag für Amateure und Profis erheblich erleichtern. Die Verarbeitung und Herstellung des Sieltec-Sortiments befindet sich ebenfalls auf dem weitläufigen Gelände in Stoetze, so dass die Teilnehmer des Lehrgangs sich zu Beginn bereits in den Produktionsräumen umschauen konnten. So manch eine bunte und extrem leichte Fahrpeitsche wurde schnell zum Objekt der Begierde.

 

 

          

 

 

Freiarbeit … oder Arbeit frei nach Ramses

Bevor die Kutschen hervorgeholt wurden, hieß es erst einmal Bekanntschaft mit dem vierbeinigen Lehrpersonal zu machen. Halva, eine junge Rheinisch-Deutsche Kaltblutstute durfte uns zuerst begrüßen. Auf dem Longierzirkel konnte sich jeder Teilnehmer bei kleinen Aufwärmeinheiten persönlich mit der freundlichen Halva bekanntmachen. Im Anschluss zeigte uns Ramses sein Talent. Ebenfalls ein Rheinisch Deutscher, sehr großrahmig und wesentlich erfahrener im Umgang mit Fahrneulingen, zeigte er sein Können, indem er uns Zweibeiner ganz geschickt in „seine Freiarbeit“  integrierte. Am Ende hatten wir Teilnehmer mehr Aufwärmübungen absolviert als der erfahrene Ramses. Zu guter Letzt waren aber alle bestens vorbereitet für die nächsten Trainingsetappen: der Arbeit mit der Schleppe und  das Ablaufen eines Geschicklichkeitsparcours am langen Zügel. - Bei den ersten vorsichtigen Schritten hinter den beiden Kaltis zeigte sich noch das ein oder andere Missverständnis in der Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Doch von Minute zu Minute stieg die Souveränität mit der wir Halva und Ramses durch den Parcour führten und damit wuchs auch der Spaßfaktor.  Bevor es in die Mittagspause ging nutzten wir die Zeit für einen kleinen Wettbewerb. Wir absolvierten den Parcour auf Zeit. Eine Spur von Feuereifer ging durch die Pferde und von Mal zu Mal steigerten wir uns zu Bestzeiten.

 

 

 

     

 


Die Leichtigkeit der Geschirrkunde

Der Nachmittag begann mit einer Einheit Geschirrkunde und dem Anspannen der Pferde bevor es mit vier Kutschen zu einer Schnuppertour ins nahegelegene Gelände gehen sollte. Zwei Einspänner und zwei Zweispänner waren für uns vorgesehen, so dass jeder Teilnehmer in Ruhe die einzelnen Schritte des Anspannens erlernen konnte. Vier Fahrtrainer (Opa Jupp, Raimond Martin, Tobias Malina und Dietmar Krüger) unterstützten uns mit Rat und Tat, viel Zuspruch und kleinen Anekdoten aus der Fahrpraxis. Während Ledergeschirr doch eher sehr schwer in der Hand liegt und sich nur mit viel Geschick und Übung richtig am Pferd positionieren lässt, so ließ sich das Anschirren mit dem sehr handlichen Sieltec-Geschirr schnell und unkompliziert erlernen. Alle Pferde kennen ihre Aufgaben und lassen sich problemlos von so vielen Händen putzen, anschirren, führen und aufstellen. Sicherheit hat dennoch oberste Priorität, denn Tiergefahr geht auch von dem ruhigsten und erfahrensten Lehrpferd aus. Vor der Deichsel (beim Zweispänner) oder in der Schere (beim Einspänner) dürfen die Pferde nicht unbeaufsichtigt stehen. Eine Person steht zur Sicherung des Gefährts immer am Kopf der Pferde, während eine zweite Person Schritt für Schritt zuerst die Leinen in korrekter Anordnung über die Gurtblattstrupfen zum Pferdekopf führt und dort verschnallt, wobei die Innenleine des Pferdes mit höher getragenem Kopf dabei über die Innenleine des anderen Pferdes geführt wird. Im nächsten Schritt werden die Zugstränge am Ortscheit der Kutsche befestigt, wobei darauf geachtet wird, zuerst die äußeren Stränge zu befestigen, damit die Pferde durch diese Begrenzung sich nicht mehr um die Deichsel drehen können. Augenfällig gibt es kaum Schnallen und Schlaufen am Sieltec-Fahrgeschirr, trotzdem kann und muss jedes Teil der Ausrüstung korrekt eingestellt werden. Wir haben es geschafft … und zur Belohnung ging es hoch auf die fertigen Wagen.

 

 

 

       



An die Leinen fertig los …

Wer nun die Hoffnung hatte, sich erst einmal die Fahrkunst praxisnah vorführen zu lassen, der wurde flugs eines Besseren belehrt. Der Kutschbock ist für uns Teilnehmer reserviert. Alle Ausbilder zeigten uns ihr Vertrauen und machten es sich auf dem Beifahrersitz bequem – soweit zum Thema „Theorie lernt man in der Praxis“.  Doch damit wir uns rein auf die Leinenführung konzentrieren konnten, übernahm der Beifahrer zu Beginn erst einmal die Handhabung der Fahrpeitsche.  Auf diesem ersten Ausflug bemühten wir uns als Korso zusammen zu bleiben und streiften gemütlich durch die Wälder. Spannend war es zu erfahren, wie verschieden die Pferde vor der Kutsche arbeiten, mit welchen Hilfen der Fahrer auf zwei Pferde unterschiedlich einwirken kann und wie sich péau a pèau aus den einzelnen Akteuren Fahrer, Handpferd (so nennt man das rechte Fahrpferd) und Sattelpferd (ist die Bezeichnung für das linke Fahrpferd) ein Team entwickelt.   -  Am Ende des Tages kamen wir vollständig und um einige Erfahrungen reicher zu unserem Startpunkt zurück. Die Pferde wurden ausgespannt, von ihrem Geschirr befreit und nach reichlich Lob und Belohnung wieder auf ihren Auslauf entlassen. Die Zeit an diesem ersten Seminartag ist wie im Flug vergangen und alle freuten sich auf die Folgetage, die unvergessene Eindrücke und Überraschungen für uns parat halten sollten.


Tag 2 - Wetter … hatten wir auch

Der Folgetag brachte Kälte, Nieselregen, Schauer und Starkregen. Doch bekanntlich gibt es ja kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung … diesen Spruch habe ich selber gerne zitiert. Das wird nicht mehr passieren! – Dennoch, wir hatten jede Menge Spaß. Nachdem die Pferde gesäubert, angeschirrt und vor die Kutschen gespannt waren, ging es heute nicht mehr im Verbund sondern jeweils in einzelnen Teams mit zwei bis drei Teilnehmern ins Gelände. Ziel sollte das präzise Fahren in allen Gangarten sein. Die Pferde hatten sich mittlerweile an die verschiedenen Stimmkommandos gewöhnt und reagierten sehr aufmerksam auf das Abwechseln der Teilnehmer an den Leinen. Dieser Tag schulte die Blickführung und das räumliche Sehen, was bei Fahrten auf unterschiedlich befestigtem Geläuf und auch im Straßenverkehr sehr sinnvoll ist. Beiläufig erfuhren wir dann, dass zum Abschluss des Lehrgangs ein Wettbewerb im Kegelparcourfahren auf Zeit vorgesehen war. – Lieber Dietmar Krüger  DAS GEHT NICHT! – Wir sind alle Fahranfänger! - Gestern konnten wir noch nicht einmal unsere Lehrpferde durch den Longierzirkel bewegen!

Dieser zweite Tag sorgte zwar bei dem ein oder anderen für eine dicke Erkältung, nachdem das kalte Nass langsam aber stetig den Weg durch die Regenkleidung gefunden hat, aber er war erfüllt von tollen Erfahrungen, Teamgeist und einem langsam wachsenden Selbstvertrauen in Bezug auf das Handling zweier Kraftpakete vor der Kutsche, mit fast 2tonnen Gesamtgewicht.

 

 



Tag 3 - Von wegen „nur fliegen ist schöner“


Der dritte und letzte Lehrgangstag startete bei schönstem sonnigen aber kühlem Wetter. Alle Teilnehmer, Ausbilder und Pferde waren bester Laune und flotten Schrittes ging es wieder hinaus in den bunten Herbstwald. Der Weg führte uns zu einem festen Hindernissparcour mit Wasserdurchfahrt. Bisher hatten wir alle Aufgaben mit Bravour gemeistert – doch der erste Eindruck beim Anblick der Hindernisse war eher verhalten. Ganz nach dem Motto „ich seh die Hindernisse vor lauter Bäumen nicht.“  Doch alle Zweifel erwiesen sich als unbegründet. Der ein oder andere Baumstumpf war eh schon morsch und stand im Weg und wer eine Regenhose an hatte, war bei der Wasserdurchfahrt klar im Vorteil. Das Strahlen auf den Gesichtern aller Beteiligten wuchs von Aufgabe zu Aufgabe und bis zur Mittagspause verging die Zeit leider viel zu schnell. Doch der Nachmittag wartete ja mit einem Highlight, dem sich nun niemand mehr entwinden wollte.

Während „Opa Rudi“ (Ausbilder auf Gespann „Schnulli“) bereits einen Kegelparcour für unseren Wettkampf vorbereitete, machten wir die Pferde startklar. Selbst am dritten Tag zeigten die freundlichen Dicken noch keine Ermüdungserscheinungen. Es machte eher den Eindruck, als wüssten Sie genau, was nun passiert. Die Vorfreude machte auch vor den Pferden keinen Halt. Nach einer gemütlichen Anfahrt zum Turnierplatz konnten wir uns erst einmal in Ruhe mit der Anordnung der Kegelhindernisse vertraut machen.  Probeweise tasteten wir uns anschließend mit den Gespannen von Hindernis zu Hindernis.

 

 


Was auf den ersten Blick sehr übersichtlich und „einfach“ aussah, stellte sich aber zunehmend als echte Herausforderung dar. Die Pferde waren schon in Wettkampflaune, wir natürlich auch … aber wir wollten ja nicht kegeln sondern sauber zwischen den Kegeln hindurch manövrieren, ohne dass diese umfallen. Das Ganze natürlich nicht im Schneckentempo sondern so schnell wie Pferde fliegen können. Das bedeutet, fließende Übergänge von Modus Verhalten zu Flugmodus, weiche aber zielgenaue Wendungen, taxieren von Hindernisbreite und –entfernung. Und dies als punktgenaue Teamarbeit zwischen Pferd und Mensch.

Das erste Team ging an den Start und gab zu Beginn schon eine gute Zeit vor. Das zweite Team folgte mit Optimismus und geschickten Manövern. Team drei startete bereits im Flugmodus und erzielte eine nicht mehr zu erreichende Bestzeit ohne Fehler.  Alle Teilnehmer, Ausbilder und Pferde gaben ihr Bestes und feuerten sich gegenseitig an, als würde es um den Titelkampf zur Europameisterschaft gehen.  - Niemand hätte vor drei Tagen an solch einen Trainingsverlauf geglaubt. In erster Linie ist dies aber den einmaligen Ausbildern und ihren 1a Lehrpferden zu verdanken. Denn trotz aller Euphorie ist uns dennoch bewusst: Wir sind noch lange keine Leinenkünstler, aber der Weg dorthin ist geebnet und es lohnt sich ihn weiter auszubauen, dank Dietmar Krüger und seinem traditionsbefreiten Sieltec-Fahrlehrgang.   


 

 

 

 

Text: Claudia Friemert

 

Fotos: Nadine und Thorsten Fabisch


www.tierfotografie-fabisch.de

 

 

www.sieltec.de

Telefon 05872 98671-100