Der Pferde-Zirkel
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Vollblut trifft Warmblut ... Warum so zurückhaltend?

 

 

„Blut ist der Saft, der Wunder schafft“, so steht es am Graditzer Stutenstall und tönt es auf vielen Veranstaltungen zum Thema Vollblut.

 Und tatsächlich: Ein Schuss Vollblut ist wichtig, um für physische Härte, Intelligenz, Regenerationsfähigkeit und die nötige Spritzigkeit der

 Pferde im Leistungssport zu sorgen. Dahingehend sind sich Züchter, Top-Reiter und Verbände durchaus einig. 

 
In Wahrheit hält sich der Mut deutscher Warmblutzüchter Vollblut in ihrer Zucht einzusetzen in engen Grenzen.
 
Während gelungene Stutfohlen bei Züchtern zur Weiterzucht durchaus erwünscht sind, stellen sich vor allem bei Hengstfohlen erste Absatzschwierigkeiten ein. Bei Reitern steht Vollblut oftmals für schwierig zu händelnde Pferde. Dies macht den Verkauf von hoch im Blut stehenden Pferden ohne Turnier-Ergebnisse oft schwierig.
 
 

Vollblut als Begründer von Warmblut-Dynastien
 
Dabei wird scheinbar vergessen, dass eine Vielzahl unserer heutigen Spitzen-Hengstlinien ursprünglich auf einen Vollblüter zurück gehen. 
 
Jeder Zuchtverband kann Vollblüter vorweisen, die entscheidenden Einfluss auf die Rasse als Ganzes genommen haben. Diese Eigenschaft als Begründer von ganzen Dynastien geht vor allem von Vollblutheng-sten aus. Aber es gibt durchaus auch Stuten wie Wundermädel xx (Trakehner), Tiffy xx (Oldenburg), Hanover Hope xx (Westfalen) oder Herka xx (Oldenburg/ Württemberg) denen es gelang, durch mehrere hervorragende Sportler und gekörte Hengste Großes zu bewirken.Hier wurde der mutige Zuchteinsatz einer Vollblutstute mehr als belohnt. Insgesamt sind deutschlandweit knapp 400 Vollblutstuten in der Warmblutzucht aktiv. 
 
Eine Sportpferdezucht auf einer Vollblutstute aufzubauen ist in Deutschland aber nicht weit verbreitet. In Ländern mit großen traditionellen
 
Vollblutzuchten wie Irland, Neuseeland oder Amerika tun sich Züchter sicher leichter mit dem Einsatz von Vollblutstuten, denn hier haben Rennpferde in Reitsport und Sportpferdezucht mehr Tradition. Dabei gelten gerade deutsche Stämme im Ausland als eine besonders homogene Zucht mit durchaus korrekten und vor allem leistungsstarken Pferden. Warum also nicht auf einer Vollblutstute einen Sportpferdestamm aufbauen?
 
Der Einsatz von Vollblutstuten in der Warmblutzucht birgt sicher Chancen und Risiken. Dennoch scheint es, als ob die Risiken in unseren  Zuchtregionen überbewertet werden. Ein Grund hierfür liegt zum Teil sicher an der fehlenden Auseinandersetzung der Warmblutzüchter mit der Vollblutpopulation, was zu vielen Vorurteilen und verhärteten Fronten führt. Nur die wenigsten Warmblutzüchter haben sich genug Vollblüter auf Rennbahnen und Gestüten angesehen, um deren Leistung und Reitpferdeeigenschaften wirklich einschätzen zu können.
 
Das Risiko einer nicht auf Reitpferdemerkmale hin gezüchteten Rasse, wird von vielen Warmblutzüchtern als sehr hoch wahrgenommen. Man weiß schließlich nicht, welche Vollblutahnen in der Anpaarung später durchschlagen, auch wenn die Stute selbst phänotypisch hervorragend geeignet erscheint.
 
 

Wovor haben Warmblutzüchter Angst?
 
Die unbestrittenen Vorteile des Vollbluteinsatzes sind vielen Züchtern bekannt. Dennoch scheuen die meisten Züchter die gefürchteten, als unausweichlich erachteten negativen Konsequenzen. Dies sind etwa zu wenig Rahmen, zu
feine Gliedmaßen, mangelnde Größe, tiefer Halsansatz oder grobe Verstellungen.
 
Dabei sind diese erwarteten Mängel in der Vererbung eines Vollblutes keine Selbstverständlichkeit. Auch aus Vollblutmüttern lassen sich Halbblüter mit Rahmen, Größe, harmonischem Exterieur und korrektem Fundament ziehen. Dabei ist die Argumentation vieler Züchter gegen den Einsatz von Vollblut-stuten nicht immer schlüssig. Die Unkenntnis über den Stutenstamm lässt
sich mit der Beurteilung der unmittelbaren Verwandtschaft durchaus einschätzen.
 
Zugegebenermaßen beinhaltet die Überprüfung der Verwandtschaft in der
Regel keine Erfolge im Reitsport, sondern höchstens Eigenleistung auf der Rennbahn. Jedoch lässt sich anhand des Exterieurs, der Beurteilung des Potentials als Reitpferd und des Charakters auf die Reitpferdeeignung
schließen. Und wenn bereits aus Anpaarungen zwischen Vollblütern Pferde
mit den gewünschten Eigenschaften hervorkommen, wie viel besser stehen dann erst die Chancen auf ein zufriedenstellendes Ergebnis mit einem passenden Warmbluthengst?
 
 
Warum nicht Vollbluthengste nutzen?
 
Dieselben oben aufgeführten Argumente gegen den Vollbluteinsatz gelten gleichermaßen für den Einsatz von Vollbluthengsten wie von Vollblutstuten. Alle im direkten Vergleich zum Warmblut erkannten Schwächen beim Vollblut werden meist gnadenlos aufgedeckt. Diese werden als zu gravierend erachtet, um nur den Versuch einer Anpaarung zu unternehmen.
 
 
Die Chancen des Züchters
 
Der Einsatz einer Vollblutstute bringt durchaus Vorteile gegenüber einem Vollbluthengst. Ein Züchter kann Eigenschaften wie Charakter, Leistungsbereitschaft und Rittigkeit seiner Stute in der täglichen Arbeit sehr viel besser einschätzen. Dagegen wird er den Hengst in der Regel nur bei öffentlichen Auftritten beobachten. Deswegen kann der Züchter mehr Informationen über seine Stute und deren unmittelbare Verwandtschaft zusammengetragen, als ihm aus erster Hand über den Hengst vorliegt.
 
Die Anzahl an im Deckeinsatz stehenden Vollbluthengsten in der deutschen Warmblutzucht ist bestenfalls überschaubar. Insbesondere bei Vollbluthengsten für die Springpferdezucht ist die Anzahl sogar erschreckend gering. Die schwindende Verfügbarkeit von Vollbluthengsten macht es schwierig einen zu finden, der alle Erwartungen des Züchters erfüllt. Dies hat wiederum zur Folge, dass sich die Anzahl an Züchtern, die diesen Schritt wagen weiter verringert.
 
Es ist leichter eine zuverlässige Blutzufuhr über gute Vollblutstuten zu sichern.  Dann kann der Züchter in der riesigen Population nach einem wirklich zu 100% passenden Warmbluthengst suchen. Das ist einfacher als umgekehrt! Die Qualität der Elterntiere wird mit dieser Methode höher und passiger.
 
Die Anpaarung einer Vollblutstute hat für den Züchter darüber hinaus den Vorteil der Unabhängigkeit. Bei der Hengstauswahl ist Freiraum für verbandsübergreifende, durchdachte Anpaarungen mit rundum überzeugenden Hengsten. Weder unerwünschte Inzucht-Komponenten, noch fehlende Zulassungen für das eigene Zuchtgebiet schränken den Züchter in seiner Hengstwahl ein.
 
 
Erhaltung der Blutvielfalt
 
Wir leben mittlerweile in Zeiten des Vorherrschens von gut zu vermarktenden Modeblutlinien und einhergehendem Einheitsbrei der Abstammungen. Da bringt eine Vollblutstute frisches Blut ins Spiel. Es ist eine traurige Tatsache, dass die Anpaarung einiger weniger Körungs-, HLP- oder 
 
Bundeschampionats Sieger mit hunderten von Stuten erfolgt. Dies führt zur Verarmung der genetischen Vielfalt. Da können Stuten mit einem neuen Stamm im Hintergrund als eine echte Bereicherung zur Erhaltung von bewährtem Blut angesehen werden. Bewährte ingezogene Hengste, die in ihrem eigenen Zuchtgebiet schwierig anzupaaren sind, können nicht selten an eine Vollblutstute gut angepaart werden.
 
 
Iris Wenzel  -    https://blog.hippothesen.de